London/Hamburg (dapd). "Schlaf mal drüber!" – Von diesem Rat profitieren besonders Kinder: Ihr Gehirn ist extrem gut darin, unbewusst Erlerntes im Schlaf in bleibende, bewusste Erinnerungen umzuwandeln. Darin schlagen die Kleinen sogar Erwachsene. Das haben jetzt Forscher aus Deutschland und der Schweiz beim Vergleich von acht- bis elfjährigen Kindern mit jungen Erwachsenen entdeckt. Verantwortlich dafür ist vermutlich der größere Anteil an Tiefschlafphasen bei den Kindern: Sie verbringen mehr als dreimal so viel Zeit im Tiefschlaf wie Erwachsene, berichten Ines Wilhelm von der Universität Tübingen und ihre Kollegen im Fachmagazin "Nature Neuroscience" (doi: 10.1038/nn.3343).
Vom Unbewussten ins Bewusstsein
Wenn man mit den komplexen Anforderungen des Alltags zurechtkommen will, muss man lernen, aus dem Wust von Informationen um sich herum Regelmäßigkeiten, Regeln und Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. Das beginnt normalerweise damit, dass das Gehirn jedes Mal, wenn man eine bestimmte Situation erlebt, eine ganze Flut von Informationen abspeichert, ohne das Bewusstsein darüber zu informieren. Diese Art des Gedächtnisses wird implizit genannt – die entsprechenden Informationen sind zwar da, können aber weder gezielt abgerufen noch bewusst beschrieben werden. Dazu gehören zum Beispiel die automatischen Bewegungsabfolgen, die etwa fürs Fahrradfahren oder Schlittschuhlaufen benötigt werden.
Mit der Zeit stellt das Gehirn dann fest, dass sich bestimmte Teile der Informationsflut von Mal zu Mal gleichen. In der Folge vertiefen sich die Erinnerungsspuren dieser Teile, bis sie irgendwann so stark sind, dass sie ins Bewusstsein vordringen. Aus unbewusst Erlerntem ist so eine bewusste oder auch explizite Erinnerung geworden, auf die man gezielt zugreifen kann.
Schon früher hatten Forscher festgestellt, dass dieser Übergang von implizit nach explizit leichter und schneller vonstattengeht, wenn man zwischendurch schläft. Besonders wichtig scheint dazu bisherigen Studien zufolge der Tiefschlaf zu sein, der durch sehr langsame Wellen der Hirnaktivität gekennzeichnet ist.
Da Kinder besonders ausgeprägte und lange Tiefschlafphasen haben, entschieden sich die Wissenschaftler in der aktuellen Studie, den Umwandlungsprozess bei ihnen genauer zu untersuchen.
Kinder schlagen Erwachsene
Dazu ließen sie ihre kleinen Probanden gegen eine Gruppe Erwachsener im Alter zwischen 18 und 35 Jahren in einem Reaktionsspiel antreten: Sie bekamen ein Kästchen mit acht verschiedenfarbigen Knöpfen vorgesetzt, die nacheinander aufleuchteten. Die Aufgabe war nun, so schnell wie möglich den jeweils leuchtenden Knopf zu drücken. Was die Teilnehmer nicht wussten: Die Knöpfe leuchteten immer in der gleichen Reihenfolge auf, so dass sie nach mehreren Wiederholungen unbewusst eine bestimmte Bewegungsabfolge erlernt hatten. Anschließend durfte die Hälfte beider Gruppen schlafen, während die andere wach blieb. Dann sollten alle Teilnehmer aus dem Gedächtnis angeben, in welcher Reihenfolge die Lämpchen aufgeleuchtet hatten.
Das Ergebnis: Alle Probanden profitierten vom Schlaf. Bei den Kindern war der Effekt allerdings besonders beeindruckend: Während sich die Erwachsenen nach einer durchgeschlafenen Nacht im Schnitt an fünf, maximal sechs der acht Schritte der Bewegungssequenz erinnerten, schafften fast alle Kinder, die Abfolge vollständig fehlerlos wiederzugeben. Hatten sie nicht geschlafen, schnitten beide Gruppen ähnlich ab und kamen durchschnittlich auf vier von acht Schritten. Ein anschließender Hirnscan zeigte: Für den Unterschied ist offenbar vor allem eine höhere Aktivität in dem für das Gedächtnis zuständigen Hippocampus und in zwei Bereichen im Frontal- und Hinterhauptlappen verantwortlich.
Das Ergebnis sei vor allem deswegen bemerkenswert, weil Kinder in fast allen anderen kognitiven Tests schlechter abschneiden als Erwachsene, kommentieren die Forscher. Es könnte sich bei dem jetzt entdeckten Effekt daher um eine Art Kompensationsmechanismus handeln, der es Kindern trotz ihrer noch nicht voll entwickelten geistigen Fähigkeiten ermöglicht, sich in einer komplizierten Welt zurechtzufinden.
dapd
