Kiel (dapd). "Jetzt unternimm doch mal was mit den anderen!" So reagieren viele Eltern, wenn ihr Kind sich vor Gleichaltrigen zurückzieht und verschlossen und traurig wirkt. Doch damit sei einem Außenseiter nicht geholfen, sagt Professor Armin Krenz – im Gegenteil. "Wenn ein Kind sich ausgeschlossen fühlt, erlebt es solche Aufforderungen als Druckmittel und bekommt Schuldgefühle, wenn es ihnen nicht folgt", sagt der Experte vom Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik in Kiel.

Seit 37 Jahren arbeitet Armin Krenz therapeutisch mit Kindern und ihren Familien. "Häufig ist es so, dass Eltern den ganz großen Fehler machen, zu sehr für ihr Kind zu denken und ihm Impulse zu geben", sagt er. Die Annahme, jedes Kind müsse soziale Kontakte aufbauen, sei ein verbreiteter Denkfehler. "Wichtig ist dagegen, dem Kind zu helfen, ein positives Selbstkonzept aufzubauen. Das heißt, dass das Kind merkt: ‚Ich bin trotzdem wer‘ oder ‚Ich kann auch etwas für mich machen’", sagt Krenz.

Kinder, die sich selbst als Außenseiter wahrnehmen, versuchen laut Krenz oft, sich Freundschaften zu erkaufen – sie laden andere zum Eisessen ein oder beschenken sie, oft auch mit Geld aus Mamas Portemonnaie. "Das heißt, sie versuchen auf Teufel komm raus, Dinge in Gang zu setzen, von denen sie sich eine höhere Wertigkeit versprechen", sagt der Pädagoge. Der Hang dazu, sich unter Beweis zu stellen und sich anzubiedern, provoziere die anderen erst recht, das Kind auszugrenzen. Für die Eltern sei dieses Außenseiterdasein nicht direkt erkennbar, sagt Krenz. "Kinder wollen häufig nicht darüber reden, weil es ihnen einfach peinlich ist." Viele dächten, sie seien selbst schuld daran, dass andere sie meiden.

Kinder müssten vor allem ein positives Selbstkonzept aufbauen können. "Es ist die Voraussetzung dafür, dass ein Kind Selbstwertgefühl in sich entwickelt", sagt Krenz. Dies könnten Eltern fördern, etwa indem sie sich für die Hobbys ihres Kindes interessieren. "Dann fühlt sich das Kind angenommen und merkt: ‚Zu Hause habe ich immer noch einen sicheren Hafen, wo ich verstanden und unterstützt werde.’" Erst wenn es mit sich zufrieden sei, könne ein Kind anderen auf Augenhöhe begegnen. "Dann entspannt sich die Situation meist, und das Ausgrenzen wird weniger", sagt Krenz. Vielen Eltern falle es jedoch schwer, der schrittweisen Entwicklung ihres Kindes Zeit zu geben.

dapd