Köln (dapd). Schreikinder stellen Partnerschaften auf eine harte Belastungsprobe. Müdigkeit und Erschöpfung verstellen den Blick auf den Partner, und Liebe und Erotik kommen meist viel zu kurz. "Das ohnehin schwierige Neuordnen der Paarbeziehung und der Beziehungsaufbau zum Kind werden durch das exzessive Schreien erheblich erschwert", betont der Kölner Diplom-Psychologe Ingo Jungclaussen, bis 2012 erster Vorsitzender des Vereins "Rückhalt e.V.". "Paare mit einem eher kooperativen Stil wachsen hierdurch noch fester zusammen. Konkurrierende Partner verstricken sich aber oft in Schuldzuweisungen." Das Schreien des Babys habe vielfache Gründe und sei niemandes "Schuld".

"Gerade in den ersten Monaten sollten die Eltern auch auf ihr Wohlbefinden achten und sich hierüber in Zwiegesprächen regelmäßig austauschen", sagt Jungclaussen. Es sei "unbedingt" wichtig, den Grad der gegenseitigen Belastung zu kennen und für Entspannung und Auszeiten zu sorgen. Sonst lägen schnell die Nerven so blank, dass nicht nur die Partnerschaft, sondern auch das Wohl des Kindes in Gefahr gerate: "Es darf in keinem Fall so weit kommen, dass das Schreibaby vor Wut von einem Elternteil geschüttelt wird, dann kann es zu bleibenden Schäden für das Kind kommen", warnt der Kölner Experte. Wichtig sei, rechtzeitig entsprechende Notfallmaßnahmen zu besprechen, bevor einer von beiden diesen Impuls verspürt.

Mann sollte Frau und Baby Rückhalt geben

Wer Betreuung aus dem familiären Umfeld hat, sollte sich nicht scheuen, diese in Anspruch zu nehmen, rät der Experte. "Ganz wichtig ist es, sich als Paar Zeiten zu organisieren, in denen man ohne das Kind wieder für sich ist", rät der Schreibaby-Therapeut. Selbst wenige Stunden zu zweit, in denen die Oma oder die beste Freundin einen Spaziergang mit Kinderwagen macht, könnten für die Partnerschaft wichtige Inseln des Auftankens sein. Diese Zeit sollte das Paar dann auch wirklich für sich nutzen und nicht für Hausarbeit. Wenn ein gegenseitiges Entlasten oder familiäre Unterstützung nicht mehr reichen, sollte das Paar professionelle Hilfe in einer Schreibabyambulanz suchen.

Eine besondere Rolle komme den Männern in dieser Situation zu. "Frauen tragen in der Regel die Hauptlast und sind auf die Unterstützung durch den Partner angewiesen", betont Jungclaussen. "Der Vater spendet den väterlichen Halt, der der Frau und dem Baby den nötigen Rückhalt gibt und sich bereits in der Schwangerschaft als Beschützerinstinkt ausdrückt", erläutert der Experte. Fehle dieser Halt, weil der Vater innerlich oder äußerlich abwesend ist, erzeuge das bei der Mutter und auch beim Baby ein Gefühl der Haltlosigkeit. Das drücke sich beim Schreikind auch körperlich durch eine überstreckte und überspannte Rückenmuskulatur aus, wodurch sich das Kind dann in gewissem Sinne "Selbsthalt" gebe.

Bei Schreibabys sei so ein hoher Muskeltonus eine häufig beobachtete Auffälligkeit. Finden Väter Zugang zu ihrer "Rückhalt spendenden Kraft" könne das die Situation für alle Beteiligten erheblich entspannen. Spezielle Hilfen bietet hierfür der Verein "Rückhalt e.V." an, in dem bundesweit tätige Schreibaby- und Paartherapeuten vernetzt sind, die Eltern und ihre Babys in Krisensituationen unterstützen.

(Internet: rueckhalt.de )

dapd