Stralsund/Niaqornat (dapd). Mit ihren bis zu drei Meter langen Stoßzähnen gelten sie gelten als die "Einhörner der See". Nur wenig weiß die Wissenschaft bislang über das Verhalten der bedrohten Narwale im Arktischen Ozean, die weiter nach Norden ziehen als jedes andere Säugetier der Welt und deshalb die Folgen der Klimaerwärmung wohl am ehesten zu spüren bekommen. Daher startete jetzt ein kleines internationales Expeditionsteam auf den Weg in Grönlands Eis. Zur Crew gehört auch der Biologe und Schweinswal-Experte Jens Koblitz vom Stralsunder Meeresmuseum.

Koblitz ist Bioakustiker. International für Aufsehen sorgt er seit einigen Jahren mit seiner Arbeit bei der hydroakustischen Überwachung der vom Aussterben bedrohten Ostsee-Schweinswale. Im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts SAMBAH wertet er die Signale von 16 schwimmenden Messstationen vor Mecklenburg-Vorpommerns Küste aus. Insgesamt horchen auf der gesamten Ostsee inzwischen 305 sogenannte Pods nach den Klick-Rufen der Schweinswale. Die von Koblitz gemeinsam mit Tübinger Technikern entwickelte Technologie zum Unterwasser-Lauschangriff weckte vor drei Jahren auf einer internationalen Walkonferenz in Stralsund das Interesse der Fachwelt. Nun will die amerikanische Expeditionsleiterin Kristin Laidre den deutschen Experten unbedingt im Team dabei haben.

Hubschrauber bringt die Experten hinaus zur Eiskante

Am Dienstag flog der 31-Jährige gemeinsam mit dem dänischen Walexperten isländischen Mikkel Villum Jensen und der isländischen Narwal-Kennerin Marianne Rasmussen nach Grönland und von dort per Hubschrauber weiter zu dem Inuit-Ort Niaqornat an Grönlands Westküste. Von dort aus gehe es dann, gutes Wetter vorausgesetzt, jeden Tag mit dem Helikopter viele Kilometer hinaus aufs Packeis, sagte Koblitz.

"Wir landen dann auf riesigen Eisschollen und bauen bei derzeit bis minus 30 Grad unsere Technik auf." Über die Eiskante werde dann jeden Tag eine Kette mit 16 sogenannten Hydrophonen bis in 17 Metern Tiefe versenkt. "Mit diesen Unterwassermikrofonen können wir nicht nur die Laute der Narwale einfangen, sondern auch die jeweiligen Positionen der Tiere ermitteln und am Laptop ihre Bewegungen aufzeichnen."

Lautspektrum der Narwale soll erstmals analysiert werden

Zunächst soll es darum gehen, das komplette Lautspektrum und das Interaktionsverhalten dieser Meeressäuger aufzunehmen. Im Unterschied zu den Schweinswalen, die nur ein Klicksignal aussendeten, verfügten Narwale über ein großes Repertoire ganz unterschiedlicher, aber bislang noch nicht analysierter Gesänge, sagt Koblitz. "Außerdem wollen wir herausfinden, in welchem Winkel die Signale vom Kopf aus gesendet werden. Diese sogenannte Schallkeule könnte möglicherweise erklären, wieso die Narwale, so problemlos offene Stellen im Eismeer zum Atmen finden."

Um mehr über die Wanderungen und möglicherweise auch das Fortpflanzungsverhalten der Narwale zu erfahren, sollen einzelne Tiere auch mit einem Sender ausgestattet werden. Die mit einer Harpune in der Haut verankerten Sender fallen nach einem Jahr wieder ab und senden in dieser Zeit über einen Satellit die aktuellen Positionen der Tiere.

Im Kern wollen die Wissenschaftler das natürliche und noch ungestörte Verhalten der Narwale studieren. Mit der Klimaerwärmung und der sich abzeichnenden Öffnung der sogenannten Nordostpassage werden die an die Arktis angepassten Tiere in den nächsten Jahren höchstwahrscheinlich mit zunehmendem Schiffsverkehr, Störungen und eisfreien Gewässerzonen konfrontiert. "Dann wollen wir verstehen, in welcher Form die Narwale darauf reagieren."

dapd