Mannheim/Wedel (dapd). Ein Hämoglobinanteil von 12,1 Gramm pro Deziliter Blut, ein Leukozytenwert von 9,9, ein Cholesterinspiegel von 240 Milligramm… Was bei einer ärztlichen Blutuntersuchung herauskommt, können viele Patienten nicht unbedingt auf Anhieb verstehen oder einordnen, berichtet Michael Neumaier, Professor an der medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und Vizepräsident der Deutschen Vereinten Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL). Da aber alle Organe des Körpers durchblutet würden und Blut damit "das Hauptverkehrsnetz" für alles sei, was den Organen zugeführt oder auch von ihnen ausgeschieden werde, bekomme seine Zusammensetzung eine immer größere Bedeutung für die Medizin.
Proteine weisen auf Aktivitäten im Körper hin
So kämen inzwischen 70 Prozent aller medizinischen Diagnosen oder Therapien mit Hilfe von Laborbefunden zustande, betont der Mediziner: "Der Mensch hat ’nur‘ 23.000 Gene, aber 500.000 verschiedene Proteine und Proteinteilchen, die in seinem Blut umherschwimmen und auf alle möglichen Aktivitäten im Körper hindeuten."
Das kleine Blutbild etwa, das beim üblichen ärztlichen Checkup gemacht wird, gibt der Ärztin oder dem Arzt eine erste Orientierung, ob sich der Körper gerade mit einer beginnenden Infektion auseinandersetzen muss oder ob womöglich die Blutbildung oder Blutgerinnung gestört ist, erklärt Marion Meiners, Ko-Autorin des Buches "Laborwerte, klar und verständlich".
Rote Blutkörperchen transportieren Sauerstoff
"Gemessen werden dabei Form, Eigenschaften und Beschaffenheit von Blutzellen." Dazu zählen zunächst einmal die Sauerstoff transportierenden roten Blutkörperchen, im Laborbefund: Erythrozyten. "Bei Frauen sollte ein Mikroliter Blut im Normalfall 4,1 bis 5,1 Millionen Erythrozyten enthalten, bei Männern sind es 4,5 bis 5,9 Millionen." Ein niedrigerer Wert könne durch Nährstoffmangel, Entzündungen oder Blutverlust bedingt sein, ein erhöhter durch Flüssigkeitsmangel, aber auch durch Herz-, Lungen- oder Knochenmarkserkrankungen. Auch der Blutfarbstoff Hämoglobin ist für den Sauerstofftransport wichtig. "Bei Frauen enthält ein Deziliter Blut im Normalfall zwölf bis 16 Gramm Hämoglobin, bei Männern zwischen 13,5 und 17,5 Gramm."
Weiße Blutkörperchen bilden die Immunabwehr
Die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) bilden wiederum das Immunsystem des Menschen. "Ihre Aufgabe ist es, Krankheitserreger, aber auch Gifte, Fremdkörper oder geschädigte Zellen aufzuspüren und zu vernichten." Bei gesunden Erwachsenen enthalte ein Milliardstel Liter Blut 3,5 bis 10,1 Leukozyten. Eine mäßige Erhöhung deute häufig auf einen akuten Bakterien-Infekt wie etwa eine Bronchitis hin, "aber auch Rauchen, Allergien, Gicht, Arthritis, eine schwere Schilddrüsenüberfunktion oder chronisch-entzündliche Erkrankungen können den Wert erhöhen". Verminderte Werte könnten eine bestimmte allergische Reaktion, schwere Virusinfekte wie Grippe oder Masern, aber auch Vergiftungen zur Ursache haben.
Blutplättchen verschließen Wunden
Die Blutplättchen (Thrombozyten) wiederum streifen als mobile Wundambulanz durch den Körper und sorgen dafür, dass Blutungen gestoppt werden und Wunden sich wieder verschließen. Das Blut eines gesunden Erwachsenen enthält zwischen 140.000 und 360.000 Blutplättchen pro Mikroliter. "Erhöhte Werte können nach großen Blutverlusten wie etwa nach einer Operation, bei schweren meist eitrigen Infekten (Harnwege, Atemwege), Thrombosen oder bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen auftreten. Verminderte Werte können auf Vitaminmängel weisen, aber auch auf schwere Anämie, Knochenmarksschädigung, Leukämie, Autoimmunerkrankungen oder auf die Einnahme von Rheumamedikamenten, Heparin oder Gerinnungshemmern."
Cholesterinspiegel steigt auch bei Gesunden im Alter an
Der Gesamtcholesterinspiegel enthält unterschiedliche Arten von Blutfetten. Welcher Wert als gesund gilt und welcher als Risikofaktor für Arteriosklerose und Herzinfarkt angesehen wird, sei unter Experten strittig. "Fest steht aber, dass der Cholesterinspiegel im Blut mit dem Alter auch bei Gesunden ansteigt. Deshalb werden von den meisten Medizinern bei über 40-Jährigen ohne Risikofaktoren Cholesterinwerte bis 240 mg pro Deziliter noch als normal angesehen, während andere Mediziner inzwischen einen Gesamtwert von 160 mg pro Deziliter als Obergrenze ansehen", erläutert Buchautorin Meiners.
Ab einem Cholesterinwert von 200 mg pro Deziliter steige das Risiko für Krankheiten der Herzkranzgefäße (KHK) statistisch nur mäßig, ab 250 mg pro Deziliter stärker an. Aber auch ein zu niedriger Cholesterinspiegel von weniger als 155 mg pro Deziliter berge Risiken: "Bei Rheumatikern erhöht sich laut einer US-Studie das Risiko für Herzgefäßerkrankungen; bei Gesunden steht ein zu niedriger Cholesterinspiegel im Verdacht, Depressionen zu fördern und das Gedächtnis zu beeinträchtigen."
Labortests müssen in Gesamtuntersuchung eingebettet sein
Bei all den Hinweisen, die diese und andere Laboruntersuchungen geben, dürfe man aber nie vergessen, dass es nicht die einzelnen Werte seien, auf deren Basis man eine medizinische Aussage treffen könne, sondern immer nur das Gesamtbild, betont Laborexperte Neumaier. "Wichtig ist vor allem, ob die verschiedenen Werte in sich stimmig sind, und wie sie zu dem passen, was wir sonst über den Patienten wissen." Gebe es hier Unklarheiten, sei das immer ein Grund für eine weiterführende Untersuchung.
dapd
