Berlin/Bonn (dapd). Die Tochter hockt den ganzen Tag vorm PC, der Sohn versteht das neue Lernprogramm für Mathe nicht und die Mutter ist mit technischen Fragen überfordert. Solche Probleme entstehen, wenn der Markt schneller multimediale Lernangebote für Kinder ausspuckt, als Eltern und Lehrer überschauen können. Dabei sind spezielle Suchmaschinen, Spielesoftwares und Applikationen durchaus in der Lage, den Schulalltag zu bereichern. Experten erklären, wieso gute Angebote Kinder motivieren und worauf Eltern und Lehrer bei der Wahl der Medien achten müssen.
– Wieso ist multimediales Lernen wichtig?
Kristin Langer, Mediencoach der Initiative "Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht", sieht einen großen Vorteil neuer Medien in der Motivation. "Gute Angebote schaffen es, Hemmungen von Schülern zu beseitigen, und helfen so aus Lernsackgassen heraus." Eltern und Lehrer könnten mit Hilfe multimedialer Mittel feinfühlig entdecken, "wo es tatsächlich hapert". Liegt eine Konzentrationsschwäche vor oder hat sich das Kind nur einen simplen Zahlendreher eingeprägt?
Stephan Pfisterer, Bereichsleiter Bildung beim Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche (BITKOM), stimmt dem zu. "Hochwertige Angebote holen den Schüler genau an dem Punkt ab, wo er elementare Verständnisprobleme hat", sagt er. Selbst Konsolen wie die bei Kindern beliebte "Wii" hätten mittlerweile interessante Lernprogramme im Angebot. Kristin Langer lobt: "Da gibt es zum Beispiel ein Basketballspiel, bei dem man erst kopfrechnen muss und beim richtigen Ergebnis den Ball versenken darf." Sie ist überzeugt: "Je aktiver der Lernende, desto nachhaltiger der Lernerfolg."
– Welche multimedialen Lernmittel sind sinnvoll?
Die Wahl fällt allein aufgrund der technischen Vielfalt schwer, weiß Expertin Langer. Sollen Sohn und Tochter per Applikation auf dem Smartphone lernen, mit Hilfe eines Computerprogramms oder spielerisch an der "Wii"? "Lassen Sie sich von der riesigen Auswahl nicht irritieren: Es kommt auf die Inhalte an", betont die Expertin. Deshalb sei die erste richtige Frage nicht: Welches Gerät soll das Kind zum Lernen nutzen? Sondern: Welche Möglichkeit vermittelt am besten die Lerninhalte? Den Ausschlag gibt außerdem, welche technischen Gegebenheiten in der Schule und im eigenen Haushalt vorhanden sind. Schließlich verfügen nicht alle Klassenzimmer oder Familien über Computer und Internet. "Sprechen Sie sich mit den Lehrern ab", rät der Mediencoach. Die Fachleute könnten oft einschätzen, welches Medium und vor allem welches Lernprogramm am besten für das jeweilige Alter und Thema geeignet sind.
– Gibt es ein Qualitätssiegel für hochwertige Angebote?
Ein einheitliches Zeichen, zum Beispiel vom TÜV, existiert noch nicht. Kristin Langer gibt aber folgende Tipps: Das Programm sollte das Kind fordern und fördern, aber nicht überfordern. Eine Orientierungshilfe biete die Alterseinstufung der "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" (USK), einer unabhängigen und freiwilligen Einrichtung der Computerspielewirtschaft. Von den Angaben der "Pan European Game Information" (Europaweite Spielinformation, kurz PEGI) rät Mediencoach Langer hingegen ab. "Statt unabhängiger Prüfer setzen die Hersteller das Alter für ihre Produkte hier selber fest", kritisiert sie. Orientierung bieten hingegen herstellerunabhängige Listen mit differenzierten Einschätzungen. Die Expertin empfiehlt neben dem Kindersoftwarepreis "Tommi" die Plattformen spielbar.de und schau-hin.info oder die Broschüre "Spiel- und Lernsoftware pädagogisch beurteilt" vom Bundesfamilienministerium.
– Welche Suchmaschinen und Lernprogramme sind kindgerecht?
Schüler sind längst dazu übergegangen, statt Lexika und anderen Büchern das Internet für die Recherche von Referaten oder Hausaufgaben zu nutzen. Leider sehen sie sich online einer Flut von Informationen ausgesetzt, die sie nicht immer einordnen können. Deshalb warnt Kristin Langer: "Es ist wichtig, Kinder damit nie allein zu lassen. Sie sollten nicht einfach drauflos googlen." Riesige Trefferlisten überfordern Internet-Anfänger, Fragen wie "Welche Informationen sind seriös?" bleiben offen. Die Expertin empfiehlt daher das Portal internet-abc.de. Hier können Schüler und ihre Eltern lernen, richtig zu recherchieren.
Falls Mutter oder Vater sich mit den technischen Anforderungen überfordert fühlen, können sie sich in Computerworkshops fortbilden. Alternativ rät Mediencoach Langer dazu, dem Kind versierte Nachbarn oder Verwandte an die Seite zu stellen. Ihre Tipps für hochwertige Suchmaschinen: fragfinn.de, helles-koepfchen.de oder blinde-kuh.de. Stephan Pfisterer von BITKOM schätzt außerdem das kostenpflichtige Angebot der Plattform sofatutor.com. Sie biete für viele Schulfächer kurze Lernvideos, die zum Beispiel in die Integralrechnung einführten. "Die grafische Darstellung ist gut, kurze Texte erklären die Inhalte. Das schreckt manchen nicht so ab wie ein dickes Schulbuch", sagt Pfisterer.
– Wie lange sollten Kinder täglich maximal am Computer arbeiten?
Das kommt beiden Experten zufolge auf das Alter an. In der Grundschule hält Kristin Langer eine Stunde täglich für ausreichend. "Da müssen sich Eltern aber mit den Lehrern absprechen", fordert sie. "Sonst sitzen die Kids erst in der Schule am Computer, bereiten anschließend zu Hause ein Referat am Bildschirm vor und wollen dann noch ein Computerspiel starten." Auch Stephan Pfisterer warnt davor, die Schüler stundenlang am Monitor arbeiten zu lassen. In Projektphasen könne das zwar je nach Alter sinnvoll sein. "Aber die Eltern müssen darauf achten, dass die Kinder ihr Leben nicht in die virtuelle Welt verlagern."
– Kann E-Learning traditionelle Bildungsformen ersetzen?
Theoretisch ist das mit den bereits vorhandenen guten Angeboten bis zur zehnten Klasse möglich, sagt der BITKOM-Experte. Aber nur Kinder, die eine sehr hohe selbstständige Lernmotivation haben, könnten diese einseitige Methode tatsächlich für sich nutzen. "Außerdem ist Lernen nicht zuletzt ein sozialer Prozess", betont Pfisterer. Dem stimmt Kristin Langer zu. "Multimediale Angebote sind immer nur eine Ergänzung", stellt sie fest. "Sie können den persönlichen Bezug zum Lehrer und den Mitschülern nicht ersetzen." Langer legt außerdem Wert darauf, dass Kinder in der Schule lernen, im Rahmen klassischer Lehrmodelle zuzuhören. "Diese Fähigkeit ist aus verschiedenen Gründen rückläufig. Eine Mitverantwortung tragen dabei sicherlich auch die neuen Medien."
– Welche weiteren Gefahren birgt multimediales Lernen?
Stephan Pfisterer legt Wert auf systematisches Lernen – das Internet aber verführe zu Oberflächlichkeit. "Die Gefahr besteht, dass Schüler von einem Link zum nächsten ‚hoppen’", erklärt Pfisterer. Expertin Langer beschäftigt die Sorge, dass die Faszination von Medien wie Computer, Tablets und Whiteboards klassische Lernformen verdrängen könnte. "Hier stellt sich Lehrern eine ganz neue Herausforderung", sagt sie. "Sie sind gefordert, auch andere Angebote attraktiv zu gestalten." Exkursionen und Experimente zum Anfassen könnten dabei eine besondere Rolle spielen. Schließlich nützt es keinem Schulkind, wenn es etwa Tiere oder Pflanzen lediglich auf dem Monitor erlebt. Wer Biologie verstehen will, muss zwar theoretisches Wissen anhäufen – aber vor allem Wald und Wiesen kennenlernen.
dapd
