Berlin/Bonn (dapd). Verlockend blinkt das Schild auf dem Bildschirm auf: "Gratis-Spiel". Sogenannte Free-to-Play-Games im Internet kommen vor allem bei Kindern gut an. Doch wer nicht aufpasst, wundert sich oft über hohe Rechnungen. Experten erklären, was hinter der industriellen Masche steckt und wie Eltern ihren Nachwuchs vor der Spiele-Falle bewahren.

– Was sind Free-to-Play-Games?

Autorennen, Geschicklichkeitstests oder Rollenspiele: Online gibt es viele Angebote, die zunächst umsonst nutzbar sind. Sie bieten gratis eine Grundversion an, wie Kristin Langer, Mediencoach des Medienratgebers für Familien "Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht". Bis zu einem bestimmten Level oder innerhalb einer festgelegten Zeit können Interessenten die Spiele umsonst ausprobieren. Ab einem gewissen Punkt allerdings entstehen dem Teilnehmer Kosten: etwa, um die Fähigkeiten seiner Spielfigur zu verbessern, das Ende des Programms zu erreichen oder auf das nächste Level nicht bis zum nächsten Tag warten zu müssen.

– Wieso zahlen die Nutzer überhaupt?

Mediencoach Langer sagt: "Besonders Jugendliche lösen im Internet Wünsche ein, die sie in der Realität nicht verwirklichen können." Dazu zähle zum Beispiel das Ideal eines Superhelden. Um diese Rolle im Spiel dauerhaft ausleben zu können, sind kostenpflichtige Extras oft unumgänglich. "Lebensenergie, Kraft, Waffen oder Fahrzeuge", zählt Langer einige Beispiele auf. Schüchterne Kinder könnten sich mit Hilfe der virtuellen Güter endlich mal wie ein Anführer fühlen. "Dazu kommen natürlich auch Spielspaß und der Reiz der Herausforderung", erklärt die Expertin.

– Welche Gefahren gehen von Free-to-Play-Games aus?

"Es entsteht eine emotionale Bindung an die Spielewelt", warnt Kristin Langer. Das nutzten die Anbieter aus. "Sobald jemand Feuer gefangen hat, sagen sie: So, jetzt nur noch mit Cash!" Falls Eltern das früh genug bemerken und dem Ganzen mit Verboten ein Ende bereiten, gelten sie als Spielverderber – nicht die Industrie. Auch das Computermagazin "Chip" warnt vor einer emotionalen Abhängigkeit von Online-Spielen – und der Schuldenfalle. Denn meist zahlten die Teilnehmer den fälligen Beitrag zunächst mit Spielgeld und verlören darüber den Bezug zur Realität. "Studien zeigen, dass sich Spieler risikoreicher verhalten, wenn sie mit solchen Jetons anstatt mit tatsächlichem Geld spielen", schreibt "Chip".

– Wie funktioniert das Bezahlsystem bei Internet-Spielen?

Oft läuft die Bezahlung über das Handyguthaben. Dafür müssen Nutzer zumindest ihre Telefonnummer angeben – schon hat die Industrie persönliche Daten ergattert. "Damit können Anbieter jungen Leuten weitere Spiele oder Gadgets anpreisen", warnt Mediencoach Langer. Unternehmen werteten die Angaben aus und nutzten sie für werbliche Zwecke. Deshalb rät die Expertin: "Keine Daten herausgeben!" Ein weiteres populäres Bezahlmodell funktioniert über Kreditkarten. Da Kinder darüber nicht verfügen, sind bei dieser Variante zwangsläufig Erwachsene eingebunden. "Eltern sollten unbedingt darauf achten, dass der Zugang zu Bezahlsystemen für Kinder gesperrt ist", empfiehlt Langer. Wie das funktioniert, erklärt die Plattform schau-hin.info.

– Sind kostenpflichtige Angebote an Minderjährige überhaupt legal?

Was Minderjährige mit Geld machen dürfen und was nicht, regelt das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB). Kinder unter sieben Jahren sind nicht geschäftsfähig. Wenn ein Sechsjähriger trotzdem etwas kauft, gilt das Geschäft als nichtig. Anders sieht es aus, wenn ein Kind von mindestens sieben Jahren etwas vom Taschengeld bezahlt. In diesem Fall gilt §110 BGB, der sogenannte Taschengeldparagraph. Deshalb sind Käufe bei Free-to-Play-Games in der Regel legal. "Meist zahlen Teilnehmer kleine Beträge, die sich aber schnell ansammeln können. Hier hilft es, wenn Eltern im Vorhinein einen Prepaid-Betrag vereinbaren", sagt Kristin Langer. Bei Zweifeln und hohen Rechnungen helfe die Verbraucherzentrale weiter.

– Wie können Eltern ihre Kinder schützen?

Der Medienratgeber "Schau hin!" rät dazu, in der Familie über Gefahren von Free-to-Play-Games und mögliche Alternativen zu sprechen. "Und zwar nicht nur in Form von Verboten", betont Langer. Eltern sollten Interesse zeigen, sich über die Spiele ihrer Kinder informieren. "Testberichte vom Spieleratgeber NRW oder der Onlineplattform spielbar.de bieten zum Beispiel Orientierung", sagt die Expertin. Wenn Kinder und Erwachsene über die Online-Angebote diskutieren, könnten sie im Idealfall sogar gute und günstige Spiele finden. "Am fairsten erscheinen mir Versionen auf CD-ROMs oder solche, bei denen man eine Einmalzahlung leistet."

– Welche Möglichkeiten gibt es, um den Markt der Online-Spiele sicherer zu machen?

Free-to-Play-Games unterliegen bisher keiner Altersbegrenzung. Deshalb fordert Mediencoach Kristin Langer eine entsprechende Kennzeichnung. Der Zeitschrift "Chip" zufolge "ist das Wörtchen ‚free‘ nichts weiter als der Köder, mit dem die Gamer in die Spielwelten gelockt werden sollen. Haben sie einmal angebissen, sollen sie mit ausgefeilten psychologischen Tricks zur Kasse gebeten werden". Kristin Langer hält das für nicht vereinbar mit dem Jugendschutz. Sie wünscht sich eine größere Sicherheit für Eltern, die ihrem Nachwuchs das Internet nicht komplett verbieten wollen. "Kinder sollen Medien nutzen – aber zu fairen und transparenten Bedingungen. Deshalb sollten solche Free-to-Play-Games mit klaren Hinweisen zu Folgekosten versehen werden und Kindern nicht länger zugänglich sein!", fordert die Expertin.

dapd